Literaturtipp (März)
Kopflos in Berlin.
Benedict Wells’ autobiographisch geprägter Roman "Spinner".
Von Michelle Jelting (BU08a)
Jesper Lier ist 20 Jahre alt und lebt in Berlin in einem Kellerloch. Nach dem Abitur war er von München in die Hauptstadt gezogen, um dort seinen ersten Roman zu schreiben, der natürlich ein Meisterwerk werden soll. Mittlerweile ist dieses „Leidensgenosse“ betitelte Werk über tausend Seiten stark, aber ein Ende ist nicht in Sicht. An der Uni schreibt Jesper sich Semester für Semester neu ein, doch nicht, um die Alma Mater von innen zu sehen, sondern lediglich, um Kindergeld zu kassieren. Seine Nächte schlägt er sich mit Alkohol und Schlaftabletten um die Ohren. Er ist einsam. Er hat er nur einen einzigen Freund in Berlin: Gustav, ein allseits beliebter, mit einer unwiderstehlichen Ausstrahlung gesegneter junger Mann, der ihn immer wieder in das Berliner Nachtleben mitschleift. Als Jespers ehemals bester Freund Frank ihn bittet, ihn vor seiner spießigen Familie zu retten, ist dies der Anfang einer verrückten Odyssee, die Jesper immer weiter in eine Traumwelt abdriften lässt.
Nach dem im letzten Jahr erschienenen erfolgreichen Debütwerk „Becks letzter Sommer“ legt der 23jährige Autor nun sein zweites Werk vor; das absolut nicht mit dem Erstling zu vergleichen ist. Temporeich wird das junge Leben eines Abiturienten beschrieben, der mit dem Traum, ein berühmter Schriftsteller zu werden, strandet. Wohl jeder Mensch, der kurz vor dem Eintritt in das „echte“ Leben steht, fragt sich: „Was soll ich bloß mit meiner Zukunft anfangen, und was ist, wenn meine Pläne schief gehen?“ Mit manchmal subtilem, oft aber auch derbem Humor und erfrischend ungekünstelt zeigt Wells uns, wie es doch lieber nicht laufen sollte. Mehr als einmal kommt beim Lesen das Bedürfnis auf, Jesper kräftig zu schütteln. Doch am Ende bleibt da der Gedanke: „Steckt nicht auch ein bisschen von diesem Chaoten in mir?“
Benedict Wells: „Spinner“, Roman, Diogenes Verlag, 2009, gebunden, 308 Seiten, 19,90 €, ISBN: 978-3-257-06717-0






